Was ist Dreigliederung?

Der Mensch entfaltet sich nur harmonisch, wenn Kopf, Herz und Hand im Einklang stehen. Wird nur ein Teil des Menschen berücksichtigt, so wird er krank.

Auch die Gesellschaft erkrankt, wenn sich das Wirtschaftsleben, das Rechtsleben und das Geistesleben gegenseitig korrumpieren und schädigen.

Die Dreigliederung zeigt auf,

  • wie durch ein assoziativ organisiertes Wirtschaftsleben die Produktion in den Dienst der Menschen gestellt werden kann,
  • wie im sozialen Miteinander mit Hilfe eines demokratischen Rechtslebens die Gleichheit und die Würde des Menschen gewährleistet werden kann,
  • wie die Menschen ihre Individualität durch ein freies Geistesleben in selbstbestimmter Erziehung zu immer grösserer Freiheit erkraften können.

Jeder einzelne Mensch steht dabei in der Mitte und verbindet alle drei Bereiche zu einer Einheit. Dadurch wird er zum mitverantwortlichen Gestalter aller drei Gesellschaftsbereiche.

Dreigliederung im geschichtlichen Kontext

Diese Darstellung der Dreigliederung im geschichtlichen Kontext ist von Sylvain Coiplet, Institut für soziale Dreigliederung in Berlin.
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Häufige Missverständnisse

Richtig ist, dass Rudolf Steiner Vergleiche anstellte zwischen dem menschlichen Organismus und dem sozialen Organismus. Dies war in seiner Zeit üblich. Steiner wollte zu Beginn vor allem auf falsche Analogien aufmerksam machen (z.B. wurden damals Menschen mit Zellen verglichen, was Steiner kritisierte). Nach seiner Analyse der Auf- und Abbaukräfte im menschlichen Organismus und im sozialen Organismus kam er dazu, das Wirtschaftsleben mit dem menschlichen Nerven-Sinnessystem, das Rechtsleben mit dem menschlichen Herz-Kreislaufsystem und das Geistesleben mit dem menschlichen Stoffwechsel-Gliedmassensystem zu vergleichen. Im Unterschied zu organizistischen Gesellschaftsvorstellungen, in denen der einzelne Mensch ein untergeordnetes Element des «Volksorganismus» ist, stellt jedoch die Dreigliederung die Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen an oberster Stelle.

Richtig ist, dass es kritische Aussagen Rudolf Steiners über die Demokratievorstellungen der damaligen Zeit gibt. Diese sind jedoch nie generell gegen die Demokratie gerichtet, sondern gegen bestimmte Anwendungen. Er kritisierte z.B. vor Schweizern die Idee, man könne über alles demokratisch entscheiden, so wie z.B. auch über die Schulen. Wenn man so denkt, so habe man aus seiner Sicht noch nichts von Demokratie verstanden. Steiner wollte aufzeigen, dass Demokratie nur im Rechtsleben berechtigt ist. Dort befürwortete er sie aber voll und ganz.

Rudolf Steiner rechnete selbst damit, dass die Dreigliederung für «drei bis vier Jahrhunderte» aktuell ist, danach aber wieder durch etwas Neues abgelöst werden müsse. Unabhängig davon kann jedoch die Frage gestellt werden, ob die durch die Dreigliederung aufgezeigten Zusammenhänge heute noch hilfreich sind, die gegenwärtigen Herausforderungen zu bewältigen. Dabei können viele Ansätze entdeckt werden, die hochaktuell sind. Die Idee eines «freien Geisteslebens» könnte z.B. einen wesentlichen Beitrag spielen, um die Tendenzen der «Re-Nationalisierung» zu unterbinden und anstelle dessen eine friedenstiftende internationale Völkerverständigung zu ermöglichen.  

Insofern es das Merkmal einer Utopie ist, dass sie von einem einzelnen Menschen ausgedacht wird, um von der Gesellschaft dann umgesetzt zu werden, ist die Dreigliederung das Gegenteil einer Utopie! Sie wird nur häufig als solche Missverstanden, weil wir es gewohnt sind, in Utopien zu denken. Die Dreigliederung ist das Resultat einer Erforschung der sozialen Zusammenhänge und des Menschen. Es folgt aus der Natur des Menschen, dass er, um sein Potential voll zu entwickeln, sich in einem freien Geistesleben mit seinen Mitmenschen organisieren muss. Dies ist genauso wenig Utopie, wie die die Gesetzmässigkeit der Schwerkraft eine Utopie ist.

Gerade das Gegenteil ist richtig. Wären die Menschen alle Engel, so würde sich die Dreigliederung erübrigen.

Die Ständerordnung bezeichnet eine Gesellschaft, in welcher die Menschen nur in einem Stand – nach Plato: Nährstand, Wehrstand, Lehrstand – tätig sind. Diese drei Stände haben ähnlich je eine spezifische Aufgabe, wie die drei Gebiete: Wirtschaftsleben, Rechtsleben und Geistesleben. Im Unterschied zur Ständeordnung sollen in der Dreigliederung  jedoch alle Menschen in allen drei Bereichen partizipieren und mitgestalten. In diesem Sinne ist die Dreigliederung eine Überwindung der Ständeordnung. 

Die Idee, die Dreigliederung betriebsintern umsetzen zu können, stammt nicht von Rudolf Steiner, sondern ist erst in den 1970er entstanden. Für Rudolf Steiner war es klar: Solange eine staatlich anerkannte Lehrerausbildung die Voraussetzung ist unterrichten zu dürfen, kann es keine «freie Schulen» geben. Dieses Beispiel zeigt deutlich, weshalb die Dreigliederung nicht innerhalb eines Betriebes umgesetzt werden kann. Dasselbe gilt auch für das Wirtschaftsleben: Assoziationen entstehen erst, wenn sich verschiedene Branchen assoziieren. Ein Betrieb allein kann dies unmöglich.

Für eine solche Ansicht gibt ist keine sachlichen Gründe. Jeder Staat kann die gesetzlichen Grundlagen dahingehend verändern, dass der Raum für ein freies Geistesleben geschaffen wird. Dafür brauchen die umliegenden Länder nicht mitzumachen. Sie können dadurch jedoch beobachten, welche positiven Auswirkungen ein solches Geistesleben hat und dann nachziehen. Dasselbe gilt auch für das Wirtschaftsleben. Zieht sich ein Staat aus der Wirtschaftsverwaltung zurück, so können die entstehenden Assoziationen als Vertragspartner mit den anderen Ländern abkommen schliessen. Die wirtschaftlichen Vorteile eines assoziativen Wirtschaftslebens werden kaum unbemerkt bleiben und könnten dazu führen, dass sich diese Wirtschaftsorganisation weltweit schnell verbreitet.

Von uns empfohlene Literatur und Materialien:

Titel: Die Kernpunkte der sozialen Frage
Autor(en): Rudolf Steiner
ISBN: 978-3-7274-6062-3
Erhältlich auf: www.steinerverlag.com

Titel: Nationalökonomischer Kurs
Autor(en): Rudolf Steiner
ISBN: 978-3-7274-7310-4
Erhältlich auf: www.steinerverlag.com

Titel: Grundfragen der soziale Dreigliederung
Autor(en): Rudolf Steiner
Hrsg. Sylvain Coiplet
ISBN: 978-3-945523-21-6
Erhältlich auf: www.dreigliederung.de

Titel: Die Überwindung des Nationalismus
Autor(en): Sylvain Coiplet
ISBN: 978-3-945523-00-1
Erhältlich auf: www.dreigleiderung.de

Titel: Veränderung ist möglich
Autor(en): Marc Theurillat
ISBN: 978-3-85989-455-6
Erhältlich auf: www.steinerverlag.com

Titel: Eintopf und Eliten
Autor(en): Matthias Wiesmann
ISBN: 978-3-85636-258-4
Erhältlich auf: www.futurumverlag.com

Titel: Scheinmarktwirtschaft
Autor(en): Udo Hermannstorfer
ISBN: 978-3-7725-1206-3
Erhältlich auf: www.geistesleben.de

Titel: Menschenbildung in einer globalisierten Welt
Autor(en): Clara Steinkellner
ISBN: 978-3-942754-20-0
Erhältlich auf: www.edition-immanente.de

Titel: Was ist eine «Freie Schule»?
Autor(en): Rudolf Steiner, Hrsg. Johannes Mosmann
ISBN: 978-3-945523-11-7
Erhältlich auf: www.dreigleiderung.de

Titel: «Einsicht & Initiative»
Aspekte zur Sozialen Dreigliederung in methodischer Hinsicht
Autor(en): Thomas Brunner
ISBN: 978-3-942754-23-1
Erhältlich auf: www.edition-immanente.de